Ordnungsfiktionen

Die Untersuchung Ordnungsfiktionen. Das Tagesprogramm von RTL, Sat.1 und ProSieben beschäftigt sich mit dem Programmangebot der drei größten deutschen Privatsender zwischen 10 und 18 Uhr. Dazu gehören unter anderem Gerichtsshows, Talkshows, Doku-Soaps und Boulevardmagazine. Als Ordnungsfiktionen werden die Tagesformate deshalb bezeichnet, weil sie durch ihre immer gleiche narrative Struktur den Eindruck einer sozialen Ordnung erzeugen. Auffällig ist vor allem auch das scheinbar obligatorische explizite Ende, das in den meisten Fällen durch einen Urteilsspruch herbeigeführt wird.
Ausgangspunkt der vorliegenden Untersuchung ist die programmatische Entwicklung des Tagesprogramms weg vom zuvor erfolgreichen Format der täglichen Talkshow hin zur geschlossenen Form der Gerichtsshow. Trotz des stattfindenen Programmwandels zwischen den Jahren 2000 und 2007 bleiben zwei Parameter über die Zeit konstant: die Dominanz der Sprache und das Fernsehstudio als vorherrschender Handlungsraum. Aus dieser Beobachtung wird die Hypothese abgeleitet, dass der Prozess der Ordnungsstiftung als Gegenstand der Untersuchung aufs Engste mit der Ausgestaltung dieser beiden Merkmale zusammenhängt. Effekt dieser Gestaltung ist nicht zuletzt die Herstellung selbstreferentieller Erzählungen über die medialen Institutionen selbst.
In den Erzählungen des Tagesprogramms setzt sich das Medium als aktive gesellschaftliche Institution ein, die als paternalistische Fürsorgeinstanz mit Normalisierungsanspruch auftritt. Vor dem Hintergrund der Debatte um die Reformen des Sozialstaates, die etwa um das Jahr 2005 einsetzt, sind die Inszenierungsstrategien des Mediums, das selbst als Ordnungsstifter in Erscheinung tritt, besonders signifikant. Die Analyse ist demnach darauf ausgerichtet, die Bedingungen dieser (sozialen) Ordnungsstiftung, das zugrunde liegende Ordnungssystem sowie die Prozesse der medialen  Selbstthematisierung herauszuarbeiten. Methodisch handelt es sich um eine produkt- bzw. textorientierte Untersuchung mit einer semiotisch-strukturalistischen Ausrichtung, die an zwei Aspekten ansetzt: an der Anordnung der Sprecherinstanzen in einem hierarchisierten Sprechersystem zum einen und zum anderen an der raumzeitlichen Organisation der Erzählungen.
Vor dem Hintergrund aktueller Entgrenzungstendenzen im Journalismus ist es notwendig, das Tagesprogramm als Form des popular journalism stärker wahrzunehmen. Versteht man Journalismus als Diskurs zur Selbstverständigung einer Gesellschaft, so wie dies aktuell die kulturwissenschaftlich geprägte Journalistik tut, gilt dies auch und vielleicht insbesondere für populärjournalistische Formen. Die vorliegende Arbeit, die mit ihrem Analyseinstrumentarium kultur- und medienwissenschaftliche Ansätze verbindet, will in diesem Sinn einen Beitrag zur kulturwissenschaftlich orientierten Journalistik leisten.
Die Arbeit ist 2009 bei UVK erschienen.